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<nowiki>{{Dieser Artikel|beschäftigt sich mit dem Verfahren Hypnose. Für den Bewusstseinszustand siehe [[Hypnotische Trance]].}} | |||
'''Hypnose''' (von altgriechisch ὕπνος ''hýpnos'' „Schlaf“) bezeichnet ein Verfahren, um durch gezielte Suggestionen einen veränderten Bewusstseinszustand, die sogenannte [[Hypnotische Trance|hypnotische Trance]], zu induzieren. In diesem Zustand ist die Aufmerksamkeit stark fokussiert und die Suggestibilität erhöht, während das kritische Denken vorübergehend reduziert ist. Hypnose wird sowohl in der klinischen Praxis als auch im Unterhaltungsbereich eingesetzt. Sie ist kein Zustand der Bewusstlosigkeit oder des Schlafes, sondern vielmehr ein Zustand hochkonzentrierter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit. | |||
== | == Definition und Überblick == | ||
Hypnose ist ein interaktiver Prozess, bei dem eine Person (der Hypnotiseur) einer anderen Person (dem Probanden oder Klienten) verbale und nonverbale Anweisungen gibt, um eine hypnotische Trance zu erreichen. Charakteristisch für diesen Zustand sind: | |||
* **Hohe Fokussierung der Aufmerksamkeit** auf bestimmte Gedanken, Erinnerungen oder Vorstellungen. | |||
* **Erhöhte Empfänglichkeit für Suggestionen**, die mit den Zielen der Sitzung vereinbar sind. | |||
* **Vorübergehende Reduktion der peripheren Wahrnehmung** und des kritischen Denkens. | |||
* **Phänomene wie Katalepsie** (Muskelstarre), **Analgesie** (Schmerzunempfindlichkeit), **Amnesie** (Erinnerungslücken) und **Hypermnesie** (gesteigerte Erinnerungsfähigkeit) können auftreten. | |||
Die Tiefe der Trance variiert von einer leichten Entspannung bis zu sehr tiefen Zuständen (somnambulistische Trance). Hypnose ist keine Form der [[Willenlosigkeit]]; der Hypnotisierte behält stets die Kontrolle und kann unerwünschte Suggestionen ablehnen. Der Erfolg der Hypnose hängt maßgeblich von der Motivation und Kooperationsbereitschaft des Einzelnen ab (Hypnotisierbarkeit). | |||
=== | == Geschichte der Hypnose == | ||
=== Antike und frühe Rituale === | |||
Trance-ähnliche Zustände wurden seit der Antike in vielen Kulturen für rituelle, religiöse und heilende Zwecke genutzt. Schamanistische Praktiken, Tempelschlaf (z.B. im Asklepios-Kult im antiken Griechenland) und Meditationstechniken weisen Parallelen zur hypnotischen Trance auf. Eine systematische Theorie existierte jedoch nicht. | |||
=== | === Mesmerismus und Animalischer Magnetismus === | ||
Der deutsche Arzt [[Franz Anton Mesmer]] (1734–1815) prägte im 18. Jahrhundert mit seiner Theorie des „**animalischen Magnetismus**“ die moderne Entwicklung. Mesmer glaubte an ein unsichtbares fluidum, das zwischen allen Lebewesen wirke und durch magnetische Passes (Handbewegungen) gelenkt werden könne, um Krankheiten zu heilen. Seine spektakulären Gruppenbehandlungen, die zu Krisen und Entspannung führten, waren zwar wissenschaftlich nicht haltbar, demonstrierten aber eindrucksvoll den Einfluss von Suggestion und Erwartungshaltung. | |||
=== | === Vom Mesmerismus zur wissenschaftlichen Hypnose === | ||
Der englische Chirurg [[James Braid]] (1795–1860) distanzierte sich vom magnetischen Fluidum und führte 1843 den Begriff „**Hypnotismus**“ ein. Er erkannte den psychologischen Ursprung des Phänomens und beschrieb ihn als einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit und neuronaler Ermüdung. Braid legte damit den Grundstein für eine wissenschaftliche Betrachtung. | |||
Im 19. Jahrhundert nutzten bedeutende Neurologen wie [[Jean-Martin Charcot]] in Paris Hypnose zur Erforschung der [[Hysterie]], während die „Schule von Nancy“ um [[Hippolyte Bernheim]] sie primär als Suggestionstherapie betrachtete. [[Sigmund Freud]] experimentierte zunächst mit Hypnose, bevor er sich der [[Psychoanalyse]] zuwandte. | |||
== | === Moderne Entwicklung === | ||
=== Hypnose | Im 20. Jahrhundert erlebte die Hypnose, besonders in den USA, eine Renaissance. Pioniere wie [[Milton H. Erickson]] entwickelten neue, permissive und indirekte Techniken. Die Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften, wie der [[Society for Clinical and Experimental Hypnosis]] (1949) und der [[American Society of Clinical Hypnosis]] (1957), sowie die Anerkennung durch medizinische und psychologische Berufsverbände festigten ihren Stellenwert als Therapieverfahren. | ||
== | == Arten der Hypnose == | ||
Hypnose kann nach ihrem Anwendungskontext und ihrer Durchführung unterschieden werden. | |||
=== | === Klinische Hypnose (Therapeutische Hypnose) === | ||
Sie wird von ausgebildeten Ärzten, Psychologen oder Psychotherapeuten angewendet, um psychische oder psychosomatische Symptome zu behandeln. Die Suggestionen sind auf das Therapieziel (z.B. Angstlösung, Schmerzkontrolle) ausgerichtet. Sie ist integraler Bestandteil vieler Psychotherapieverfahren. | |||
=== | === Bühnenhypnose (Showhypnose) === | ||
Dient primär der Unterhaltung. Bühnenhypnotiseure wählen aus einem Publikum besonders suggestible Personen aus und führen mit ihnen unterhaltsame, oft spektakuläre Suggestionen vor (z.B. Verlust der Namenskenntnis, Halluzinationen). Ethische Bedenken betreffen mögliche Verletzungen der Persönlichkeitsrechte und unvorhergesehene negative Reaktionen. | |||
== | === Selbsthypnose (Autohypnose) === | ||
Der Einzelne führt sich selbst durch Suggestionen in einen hypnotischen Zustand, oft mit Hilfe einer erlernten Formel oder einer Aufnahme. Sie wird zur Stressbewältigung, Leistungssteigerung oder Unterstützung therapeutischer Prozesse genutzt. | |||
=== | === Regressionshypnose === | ||
Eine spezielle Form, bei der der Proband angeleitet wird, sich an frühere Erlebnisse bis zurück in die Kindheit zu erinnern. In der Therapie kann dies der Aufarbeitung traumatischer Erinnerungen dienen. Die umstrittene [[Regressionshypnose|„Rückführung in frühere Leben“]] (Reinkarnationstherapie) hat keinen wissenschaftlichen Nachweis und wird von seriösen Therapeuten abgelehnt. | |||
== | == Wirkmechanismen und Theorien == | ||
Es existiert keine einheitliche Theorie zur Hypnose; verschiedene Modelle versuchen, die Phänomene zu erklären. | |||
=== | === Neodissoziationstheorie === | ||
Entwickelt von [[Ernest Hilgard]]. Sie postuliert, dass Hypnose eine **Dissoziation** (Aufspaltung) des Bewusstseins in mehrere, gleichzeitig ablaufende Ströme bewirkt. Ein Teil bleibt mit dem Hypnotiseur in Kontakt, während andere Teile (z.B. Schmerzwahrnehmung) vom Bewusstsein abgekoppelt werden können. Hilgards „versteckter Beobachter“-Experimente sollten dies belegen. | |||
== | === Soziokognitive Theorien === | ||
Diese betonen die Rolle von Erwartungen, Motivationen und sozialen Einflüssen. Hypnose wird demnach nicht als veränderter Bewusstseinszustand, sondern als eine Form **zielgerichteter, imaginativer Involviertheit** verstanden. Der Proband erfüllt die Rolle des Hypnotisierten und konzentriert sich intensiv auf die gestellten Aufgaben. Die beobachteten Phänomene seien auf normale psychologische Prozesse wie Konzentration, Vorstellungskraft und Erwartung zurückzuführen. | |||
=== | === Neurophysiologische Befunde === | ||
Moderne Bildgebungsstudien (fMRI, PET) zeigen, dass Hypnose mit spezifischen Veränderungen der Hirnaktivität einhergeht. Beispielsweise wird bei hypnotischer Schmerzreduktion eine verringerte Aktivität im [[somato-sensorischer Cortex|somatosensorischen Cortex]] bei gleichzeitig erhöhter Aktivität in Arealen der kognitiven Kontrolle (z.B. [[präfrontaler Cortex]]) beobachtet. Dies deutet auf eine top-down Modulation der Schmerzwahrnehmung hin. | |||
== | == Anwendungsgebiete == | ||
Hypnose findet in verschiedenen Bereichen Anwendung, wobei die klinische Wirksamkeit je nach Störungsbild unterschiedlich gut belegt ist. | |||
=== | === Psychotherapie und Psychosomatik === | ||
* **Angststörungen** (z.B. Phobien, Prüfungsangst) | |||
* **Depressionen** (unterstützend) | |||
* **Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)** (zur schonenden Traumakonfrontation) | |||
* **Psychosomatische Störungen** (z.B. Reizdarmsyndrom, Tinnitus) | |||
* **Sexuelle Funktionsstörungen** | |||
=== | === Schmerztherapie === | ||
* **Akutschmerzmanagement** (z.B. bei zahnärztlichen Eingriffen, Verbrennungen) | |||
* **Chronische Schmerzen** (z.B. bei Krebs, Migräne, Rheuma) | |||
* **Geburtsvorbereitung** (Hypnobirthing) | |||
== | === Verhaltensmodifikation und Habit Control === | ||
* **Raucherentwöhnung** | |||
* ** | * **Gewichtsreduktion** (Unterstützung bei Diät und Essverhalten) | ||
* ** | * **Schlafstörungen** | ||
* ** | * **Nägelkauen, Haareausreißen (Trichotillomanie)** | ||
* ** | |||
== | === Weitere Anwendungen === | ||
* | * **Leistungssteigerung** im Sport (Mentaltraining), bei Künstlern (Lampenfieber) oder im Business | ||
* | * **Stärkung des Immunsystems** (psychoneuroimmunologische Ansätze) | ||
* | * **Begleitung in der Onkologie** zur Reduktion von Übelkeit unter Chemotherapie und zur Verbesserung der Lebensqualität. | ||
* | |||
* | |||
* | |||
== | == Wissenschaftliche Forschung und Evidenz == | ||
Die wissenschaftliche Anerkennung der Hypnose hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Ihre Wirksamkeit ist für bestimmte Indikationen durch kontrollierte Studien gut belegt. | |||
* **Starke Evidenz** liegt vor für die Behandlung von **chronischen Schmerzen**, **Irritable Bowel Syndrome (IBS)** und **Angst im medizinischen Kontext** (z.B. vor Operationen). | |||
* **Gute Evidenz** gibt es für die unterstützende Behandlung von **Übelkeit und Erbrechen in der Onkologie**, **Asthma bronchiale** und für die **Anästhesieunterstützung**. | |||
* **Promising, aber noch nicht ausreichend gesichert** ist die Evidenz für direkte psychotherapeutische Effekte bei Depressionen oder PTBS, wo Hypnose meist als adjuvante Methode eingesetzt wird. | |||
* **Kritisch** betrachtet werden Anwendungen wie die **hypnotische Rückführung in angebliche frühere Leben** oder die **hypnotische Zeugenbefragung**, da hier die Gefahr der **Konfabulation** (unabsichtliches Herstellen von falschen Erinnerungen) sehr hoch ist. | |||
Führende Institutionen wie die [[American Psychological Association (APA)]] und deutsche Fachgesellschaften erkennen Hypnose als empirisch gestütztes Verfahren an. | |||
== | == Bedeutende Praktiker == | ||
* [[Franz Anton Mesmer]] (1734–1815): Begründer des Mesmerismus. | |||
* [[James Braid]] (1795–1860): „Vater der modernen Hypnose“, führte den Begriff ein. | |||
* [[Milton H. Erickson]] (1901–1980): Amerikanischer Psychiater, entwickelte die **Erickson'sche Hypnotherapie** mit indirekten, metaphorischen und nutzungsorientierten Techniken. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die [[Systemische Therapie]] und das [[Neuro-Linguistisches Programmieren|NLP]]. | |||
* [[Dave Elman]] (1900–1967): Amerikanischer Hypnotiseur, entwickelte schnelle, direkte Induktionstechniken, die besonders in der Hypnoanalyse und der medizinischen Hypnose Verbreitung fanden. | |||
* [[Johannes Heinrich Schultz]] (1884–1970): Deutscher Psychiater, entwickelte das [[Autogenes Training]], das von der Hypnose beeinflusst ist. | |||
== | == Hypnose im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) == | ||
* [[ | Im deutschsprachigen Raum hat Hypnose eine lange, wenn auch wechselhafte Tradition. | ||
* **Deutschland**: Nach Mesmer erlebte die Hypnose im 19. Jahrhundert einen Aufschwung. In der NS-Zeit und der frühen DDR wurde sie teilweise restriktiv behandelt. Heute ist sie als **„Hypnotherapie“** ein anerkanntes **psychotherapeutisches Verfahren** im Sinne des [[Psychotherapeutengesetz]]es. Sie kann im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie (z.B. in der [[Verhaltenstherapie]] oder [[Tiefenpsychologie]]) angewendet werden. Die [[Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)]] und die [[Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.)]] sind bedeutende Fachgesellschaften, die Aus- und Weiterbildungen anbieten. | |||
* **Österreich**: Hypnose ist ebenfalls in der Psychotherapie etabliert. Der [[Österreichische Bundesverband für Psychotherapie]] listet Hypnotherapie als eigenständige Methode. Die rechtliche Situation ist im [[Psychotherapiegesetz]] geregelt. | |||
* **Schweiz**: Hier ist die Anwendung von Hypnose durch Ärzte und Psychologen verbreitet. Die [[Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose (SÄGH)]] setzt sich für Qualitätsstandards ein. Die Kosten für Hypnosetherapie werden von einigen Zusatzversicherungen übernommen. | |||
* [[ | |||
* [[Hypnose | |||
Die Ausbildung zum Hypnotherapeuten ist nicht einheitlich geregelt, setzt aber in der Regel ein abgeschlossenes Medizin- oder Psychologiestudium bzw. eine psychotherapeutische Grundausbildung voraus. | |||
== | == Siehe auch == | ||
* [ | * [[Hypnotische Trance]] | ||
* [ | * [[Suggestion]] | ||
* [[Autogenes Training]] | |||
* [[Meditation]] | |||
* [[Dissoziation (Psychologie)]] | |||
* [[Bewusstseinszustand]] | |||
* [[Psychotherapie]] | |||
* [[Schmerztherapie]] | |||
* [[Milton H. Erickson]] | |||
* [[Mesmerismus]] | |||
[[ | == Literatur == | ||
[[ | * Bongartz, W. (2008): ''Hypnose: Lehrbuch für Psychotherapeuten und Ärzte.'' Hogrefe. | ||
[[ | * Revenstorf, D. & Peter, B. (Hrsg.) (2015): ''Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin.'' Springer. | ||
[[ | * Erickson, M.H. & Rossi, E.L. (1979): ''Hypnotherapie: Aufbau, Anwendungsbeispiele, Forschungen.'' Pfeiffer. | ||
== Weblinks == | |||
* [https://www.dgh-hypnose.de Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)] | |||
* [https://www.meg-hypnose.de Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.)] | |||
* [https://www.saegh.ch Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose (SÄGH)] | |||
[[Kategorie:Hypnose]] | |||
[[Kategorie:Psychologie]] | |||
[[Kategorie:Psychotherapie]] | |||
[[Kategorie:Bewusstseinszustand]] | |||
[[en:Hypnosis]] | [[en:Hypnosis]] | ||
[[fr:Hypnose]] | |||
[[es:Hipnosis]] | [[es:Hipnosis]] | ||
[[it:Ipnosi]] | [[it:Ipnosi]] | ||
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Version vom 31. März 2026, 21:27 Uhr
{{Dieser Artikel|beschäftigt sich mit dem Verfahren Hypnose. Für den Bewusstseinszustand siehe [[Hypnotische Trance]].}} '''Hypnose''' (von altgriechisch ὕπνος ''hýpnos'' „Schlaf“) bezeichnet ein Verfahren, um durch gezielte Suggestionen einen veränderten Bewusstseinszustand, die sogenannte [[Hypnotische Trance|hypnotische Trance]], zu induzieren. In diesem Zustand ist die Aufmerksamkeit stark fokussiert und die Suggestibilität erhöht, während das kritische Denken vorübergehend reduziert ist. Hypnose wird sowohl in der klinischen Praxis als auch im Unterhaltungsbereich eingesetzt. Sie ist kein Zustand der Bewusstlosigkeit oder des Schlafes, sondern vielmehr ein Zustand hochkonzentrierter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit. == Definition und Überblick == Hypnose ist ein interaktiver Prozess, bei dem eine Person (der Hypnotiseur) einer anderen Person (dem Probanden oder Klienten) verbale und nonverbale Anweisungen gibt, um eine hypnotische Trance zu erreichen. Charakteristisch für diesen Zustand sind: * **Hohe Fokussierung der Aufmerksamkeit** auf bestimmte Gedanken, Erinnerungen oder Vorstellungen. * **Erhöhte Empfänglichkeit für Suggestionen**, die mit den Zielen der Sitzung vereinbar sind. * **Vorübergehende Reduktion der peripheren Wahrnehmung** und des kritischen Denkens. * **Phänomene wie Katalepsie** (Muskelstarre), **Analgesie** (Schmerzunempfindlichkeit), **Amnesie** (Erinnerungslücken) und **Hypermnesie** (gesteigerte Erinnerungsfähigkeit) können auftreten. Die Tiefe der Trance variiert von einer leichten Entspannung bis zu sehr tiefen Zuständen (somnambulistische Trance). Hypnose ist keine Form der [[Willenlosigkeit]]; der Hypnotisierte behält stets die Kontrolle und kann unerwünschte Suggestionen ablehnen. Der Erfolg der Hypnose hängt maßgeblich von der Motivation und Kooperationsbereitschaft des Einzelnen ab (Hypnotisierbarkeit). == Geschichte der Hypnose == === Antike und frühe Rituale === Trance-ähnliche Zustände wurden seit der Antike in vielen Kulturen für rituelle, religiöse und heilende Zwecke genutzt. Schamanistische Praktiken, Tempelschlaf (z.B. im Asklepios-Kult im antiken Griechenland) und Meditationstechniken weisen Parallelen zur hypnotischen Trance auf. Eine systematische Theorie existierte jedoch nicht. === Mesmerismus und Animalischer Magnetismus === Der deutsche Arzt [[Franz Anton Mesmer]] (1734–1815) prägte im 18. Jahrhundert mit seiner Theorie des „**animalischen Magnetismus**“ die moderne Entwicklung. Mesmer glaubte an ein unsichtbares fluidum, das zwischen allen Lebewesen wirke und durch magnetische Passes (Handbewegungen) gelenkt werden könne, um Krankheiten zu heilen. Seine spektakulären Gruppenbehandlungen, die zu Krisen und Entspannung führten, waren zwar wissenschaftlich nicht haltbar, demonstrierten aber eindrucksvoll den Einfluss von Suggestion und Erwartungshaltung. === Vom Mesmerismus zur wissenschaftlichen Hypnose === Der englische Chirurg [[James Braid]] (1795–1860) distanzierte sich vom magnetischen Fluidum und führte 1843 den Begriff „**Hypnotismus**“ ein. Er erkannte den psychologischen Ursprung des Phänomens und beschrieb ihn als einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit und neuronaler Ermüdung. Braid legte damit den Grundstein für eine wissenschaftliche Betrachtung. Im 19. Jahrhundert nutzten bedeutende Neurologen wie [[Jean-Martin Charcot]] in Paris Hypnose zur Erforschung der [[Hysterie]], während die „Schule von Nancy“ um [[Hippolyte Bernheim]] sie primär als Suggestionstherapie betrachtete. [[Sigmund Freud]] experimentierte zunächst mit Hypnose, bevor er sich der [[Psychoanalyse]] zuwandte. === Moderne Entwicklung === Im 20. Jahrhundert erlebte die Hypnose, besonders in den USA, eine Renaissance. Pioniere wie [[Milton H. Erickson]] entwickelten neue, permissive und indirekte Techniken. Die Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften, wie der [[Society for Clinical and Experimental Hypnosis]] (1949) und der [[American Society of Clinical Hypnosis]] (1957), sowie die Anerkennung durch medizinische und psychologische Berufsverbände festigten ihren Stellenwert als Therapieverfahren. == Arten der Hypnose == Hypnose kann nach ihrem Anwendungskontext und ihrer Durchführung unterschieden werden. === Klinische Hypnose (Therapeutische Hypnose) === Sie wird von ausgebildeten Ärzten, Psychologen oder Psychotherapeuten angewendet, um psychische oder psychosomatische Symptome zu behandeln. Die Suggestionen sind auf das Therapieziel (z.B. Angstlösung, Schmerzkontrolle) ausgerichtet. Sie ist integraler Bestandteil vieler Psychotherapieverfahren. === Bühnenhypnose (Showhypnose) === Dient primär der Unterhaltung. Bühnenhypnotiseure wählen aus einem Publikum besonders suggestible Personen aus und führen mit ihnen unterhaltsame, oft spektakuläre Suggestionen vor (z.B. Verlust der Namenskenntnis, Halluzinationen). Ethische Bedenken betreffen mögliche Verletzungen der Persönlichkeitsrechte und unvorhergesehene negative Reaktionen. === Selbsthypnose (Autohypnose) === Der Einzelne führt sich selbst durch Suggestionen in einen hypnotischen Zustand, oft mit Hilfe einer erlernten Formel oder einer Aufnahme. Sie wird zur Stressbewältigung, Leistungssteigerung oder Unterstützung therapeutischer Prozesse genutzt. === Regressionshypnose === Eine spezielle Form, bei der der Proband angeleitet wird, sich an frühere Erlebnisse bis zurück in die Kindheit zu erinnern. In der Therapie kann dies der Aufarbeitung traumatischer Erinnerungen dienen. Die umstrittene [[Regressionshypnose|„Rückführung in frühere Leben“]] (Reinkarnationstherapie) hat keinen wissenschaftlichen Nachweis und wird von seriösen Therapeuten abgelehnt. == Wirkmechanismen und Theorien == Es existiert keine einheitliche Theorie zur Hypnose; verschiedene Modelle versuchen, die Phänomene zu erklären. === Neodissoziationstheorie === Entwickelt von [[Ernest Hilgard]]. Sie postuliert, dass Hypnose eine **Dissoziation** (Aufspaltung) des Bewusstseins in mehrere, gleichzeitig ablaufende Ströme bewirkt. Ein Teil bleibt mit dem Hypnotiseur in Kontakt, während andere Teile (z.B. Schmerzwahrnehmung) vom Bewusstsein abgekoppelt werden können. Hilgards „versteckter Beobachter“-Experimente sollten dies belegen. === Soziokognitive Theorien === Diese betonen die Rolle von Erwartungen, Motivationen und sozialen Einflüssen. Hypnose wird demnach nicht als veränderter Bewusstseinszustand, sondern als eine Form **zielgerichteter, imaginativer Involviertheit** verstanden. Der Proband erfüllt die Rolle des Hypnotisierten und konzentriert sich intensiv auf die gestellten Aufgaben. Die beobachteten Phänomene seien auf normale psychologische Prozesse wie Konzentration, Vorstellungskraft und Erwartung zurückzuführen. === Neurophysiologische Befunde === Moderne Bildgebungsstudien (fMRI, PET) zeigen, dass Hypnose mit spezifischen Veränderungen der Hirnaktivität einhergeht. Beispielsweise wird bei hypnotischer Schmerzreduktion eine verringerte Aktivität im [[somato-sensorischer Cortex|somatosensorischen Cortex]] bei gleichzeitig erhöhter Aktivität in Arealen der kognitiven Kontrolle (z.B. [[präfrontaler Cortex]]) beobachtet. Dies deutet auf eine top-down Modulation der Schmerzwahrnehmung hin. == Anwendungsgebiete == Hypnose findet in verschiedenen Bereichen Anwendung, wobei die klinische Wirksamkeit je nach Störungsbild unterschiedlich gut belegt ist. === Psychotherapie und Psychosomatik === * **Angststörungen** (z.B. Phobien, Prüfungsangst) * **Depressionen** (unterstützend) * **Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)** (zur schonenden Traumakonfrontation) * **Psychosomatische Störungen** (z.B. Reizdarmsyndrom, Tinnitus) * **Sexuelle Funktionsstörungen** === Schmerztherapie === * **Akutschmerzmanagement** (z.B. bei zahnärztlichen Eingriffen, Verbrennungen) * **Chronische Schmerzen** (z.B. bei Krebs, Migräne, Rheuma) * **Geburtsvorbereitung** (Hypnobirthing) === Verhaltensmodifikation und Habit Control === * **Raucherentwöhnung** * **Gewichtsreduktion** (Unterstützung bei Diät und Essverhalten) * **Schlafstörungen** * **Nägelkauen, Haareausreißen (Trichotillomanie)** === Weitere Anwendungen === * **Leistungssteigerung** im Sport (Mentaltraining), bei Künstlern (Lampenfieber) oder im Business * **Stärkung des Immunsystems** (psychoneuroimmunologische Ansätze) * **Begleitung in der Onkologie** zur Reduktion von Übelkeit unter Chemotherapie und zur Verbesserung der Lebensqualität. == Wissenschaftliche Forschung und Evidenz == Die wissenschaftliche Anerkennung der Hypnose hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Ihre Wirksamkeit ist für bestimmte Indikationen durch kontrollierte Studien gut belegt. * **Starke Evidenz** liegt vor für die Behandlung von **chronischen Schmerzen**, **Irritable Bowel Syndrome (IBS)** und **Angst im medizinischen Kontext** (z.B. vor Operationen). * **Gute Evidenz** gibt es für die unterstützende Behandlung von **Übelkeit und Erbrechen in der Onkologie**, **Asthma bronchiale** und für die **Anästhesieunterstützung**. * **Promising, aber noch nicht ausreichend gesichert** ist die Evidenz für direkte psychotherapeutische Effekte bei Depressionen oder PTBS, wo Hypnose meist als adjuvante Methode eingesetzt wird. * **Kritisch** betrachtet werden Anwendungen wie die **hypnotische Rückführung in angebliche frühere Leben** oder die **hypnotische Zeugenbefragung**, da hier die Gefahr der **Konfabulation** (unabsichtliches Herstellen von falschen Erinnerungen) sehr hoch ist. Führende Institutionen wie die [[American Psychological Association (APA)]] und deutsche Fachgesellschaften erkennen Hypnose als empirisch gestütztes Verfahren an. == Bedeutende Praktiker == * [[Franz Anton Mesmer]] (1734–1815): Begründer des Mesmerismus. * [[James Braid]] (1795–1860): „Vater der modernen Hypnose“, führte den Begriff ein. * [[Milton H. Erickson]] (1901–1980): Amerikanischer Psychiater, entwickelte die **Erickson'sche Hypnotherapie** mit indirekten, metaphorischen und nutzungsorientierten Techniken. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die [[Systemische Therapie]] und das [[Neuro-Linguistisches Programmieren|NLP]]. * [[Dave Elman]] (1900–1967): Amerikanischer Hypnotiseur, entwickelte schnelle, direkte Induktionstechniken, die besonders in der Hypnoanalyse und der medizinischen Hypnose Verbreitung fanden. * [[Johannes Heinrich Schultz]] (1884–1970): Deutscher Psychiater, entwickelte das [[Autogenes Training]], das von der Hypnose beeinflusst ist. == Hypnose im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) == Im deutschsprachigen Raum hat Hypnose eine lange, wenn auch wechselhafte Tradition. * **Deutschland**: Nach Mesmer erlebte die Hypnose im 19. Jahrhundert einen Aufschwung. In der NS-Zeit und der frühen DDR wurde sie teilweise restriktiv behandelt. Heute ist sie als **„Hypnotherapie“** ein anerkanntes **psychotherapeutisches Verfahren** im Sinne des [[Psychotherapeutengesetz]]es. Sie kann im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie (z.B. in der [[Verhaltenstherapie]] oder [[Tiefenpsychologie]]) angewendet werden. Die [[Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)]] und die [[Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.)]] sind bedeutende Fachgesellschaften, die Aus- und Weiterbildungen anbieten. * **Österreich**: Hypnose ist ebenfalls in der Psychotherapie etabliert. Der [[Österreichische Bundesverband für Psychotherapie]] listet Hypnotherapie als eigenständige Methode. Die rechtliche Situation ist im [[Psychotherapiegesetz]] geregelt. * **Schweiz**: Hier ist die Anwendung von Hypnose durch Ärzte und Psychologen verbreitet. Die [[Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose (SÄGH)]] setzt sich für Qualitätsstandards ein. Die Kosten für Hypnosetherapie werden von einigen Zusatzversicherungen übernommen. Die Ausbildung zum Hypnotherapeuten ist nicht einheitlich geregelt, setzt aber in der Regel ein abgeschlossenes Medizin- oder Psychologiestudium bzw. eine psychotherapeutische Grundausbildung voraus. == Siehe auch == * [[Hypnotische Trance]] * [[Suggestion]] * [[Autogenes Training]] * [[Meditation]] * [[Dissoziation (Psychologie)]] * [[Bewusstseinszustand]] * [[Psychotherapie]] * [[Schmerztherapie]] * [[Milton H. Erickson]] * [[Mesmerismus]] == Literatur == * Bongartz, W. (2008): ''Hypnose: Lehrbuch für Psychotherapeuten und Ärzte.'' Hogrefe. * Revenstorf, D. & Peter, B. (Hrsg.) (2015): ''Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin.'' Springer. * Erickson, M.H. & Rossi, E.L. (1979): ''Hypnotherapie: Aufbau, Anwendungsbeispiele, Forschungen.'' Pfeiffer. == Weblinks == * [https://www.dgh-hypnose.de Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)] * [https://www.meg-hypnose.de Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.)] * [https://www.saegh.ch Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose (SÄGH)] [[Kategorie:Hypnose]] [[Kategorie:Psychologie]] [[Kategorie:Psychotherapie]] [[Kategorie:Bewusstseinszustand]] [[en:Hypnosis]] [[fr:Hypnose]] [[es:Hipnosis]] [[it:Ipnosi]] [[nl:Hypnose]]